Mittwoch, 26. Februar 2020

Gedankenanstoß


Toleranz kann immer nur die eigene sein

Im öffentlichen Diskurs hört man oft die Forderung nach „mehr Toleranz“. Doch Toleranz kann keine sinnvolle Forderung an andere sein. Ich kann nur selbst ein toleranter Mensch sein. Aber wenn ich von anderen Toleranz fordere, werde ich selbst intolerant. Toleranz bedeutet, etwas auszuhalten, was man für falsch hält. Religiöse Symbole in öffentlichen Räumen stören viele Menschen. Wenn sie es aber gleichzeitig tolerieren können, dass muslimische Frauen sich verhüllen oder
sonntags die Läden geschlossen bleiben als Ausdruck für die Auferstehung Jesu, dann geben sie einer Praxis Raum, die sie selbst für falsch halten. Darin steckt eine Spannung: Denn wenn ich zulasse, was ich eigentlich für falsch halte, widerspreche ich meinen eigenen Werten. Ein toleranter Mensch ist jemand, der bereit ist, sich selbst zu widersprechen. Die Gründe, warum man das tut, sind persönlicher Art. Sie lassen sich nicht verallgemeinern. Denn sonst wäre es allgemein richtig, etwas Falsches zuzulassen. 

Ein Mensch toleriert seine Mitmenschen, weil er keinen Streit provozieren will, Frieden für wichtiger hält als auf die eigenen Werte zu pochen, vielleicht sogar weil er Verständnis für diese Menschen hat. Trotzdem bleibt es dabei, dass er ihre Praxis für falsch hält.
Wenn man dagegen nun von anderen Toleranz fordert, dann fordert man sie auf, ihre Werte aufzugeben, damit sie seine eigenen Werte übernehmen. Wenn also zum Beispiel von den Kirchen verlangt wird, ihren Protest gegen die Sonntagsarbeit aufzugeben, dann verlangt man von ihnen, sich widersprüchlich zu verhalten. Das kann man nur dann fordern, wenn man ihnen kein Recht zum Protest ein-räumen will, wenn man also selbst intolerant ist. Schon der Philosoph Herbert Marcuse hat darum bemerkt, dass die Toleranzforderung ein Mittel ist, um andere zu unterdrücken. Wie tolerant eine Gesellschaft ist, hängt also allein davon ab, wie tolerant wir selbst sind. Toleranz beginnt mit mir, weil ich bereit bin, dass sie damit auch schon endet.
Lukas Ohly


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