Mittwoch, 1. Januar 2020

Gedankenanstoß


Was ist das Beglückende am Kind in der Krippe?
Es ist erstaunlich, dass Weihnachten den größten Einfluss des Christentums auf unsere Gesellschaft ausübt, auch auf Nicht-Christen. Schon zu anderen Zeiten und in anderen Kulturen ist das Weihnachtsfest eines der größten gesellschaftlichen Ereignisse im Jahr. 

Historische Weihnachtsgeschichten
füllen Bücherregale. Und schon im Mittelalter haben Kriege über die Weihnachtstage geruht. Dabei hat das Christentum wohl erst frühestens im 5. Jahrhundert angefangen, Weihnachten zu feiern. Für das christliche Selbstverständnis sind andere Feste wichtiger, Ostern oder die Einsetzung des Abendmahls. Ich halte die Inhalte dieser Feste auch für realistischer: Jesu Auferstehung hat historische Belege und lässt sich auch mit vernünftigen Modellen rekonstruieren, während uns bei der Weihnachtsgeschichte ausreicht, dass sie eine Erzählung ist.
Was spricht Menschen über Zeiten und Räume an der Weihnachtsgeschichte an? Ist es die beruhigende Botschaft, dass gesellschaftlich unbedeutende Menschen plötzlich wichtig werden können, schlecht bezahlte Hirten und sogar Kinder, die in fast allen Kulturen einen schlechten Stand haben?
Ist es die Romantisierung der Armut, dass eine Geburt auch unter widrigen Umständen in einem Stall stattfindet? Aber wenn solche Botschaften tröstlich sind, warum nutzen sie sich nicht ab? Warum sind sie sogar dann nicht abgedroschen, wenn Kinderarbeit, Sklaverei und Flucht wieder auf dem Vormarsch sind? Warum trauen wir der biblischen Erzählung mehr als den Zeitungsartikeln über verletzte Kinderrechte? Vielleicht weil Weihnachten nicht so sehr eine Geschichte über die Welt ist als eine über Gott? Ist das nicht die Weihnachtsbotschaft, dass Gott sich durchsetzt gegen die Welt? Die Weihnachtsbotschaft kann diese Welt nicht verändern, dass in ihr Neues beginnen kann, unvorhersehbar, gegen alle Zwänge von Herrschaft und ungerechten Verhältnissen. Gott ändert nicht die Welt, sondern hebt sie auf. Vielleicht fühlen sich Menschen genau darin verstanden, dass der Horizont ihres Lebens über diese Welt hinausgehen muss.
Lukas Ohly




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