Donnerstag, 27. Juni 2019

Gedankenanstoß

„Was bringt mir die Kirche?“

In vielen Gesprächen höre ich diese Frage: „Was bringt mir die Kirche?“ Meine Gesprächspartner räumen ein, dass die Kirche zwar für viele Menschen Angebote bereithält, aber keine interessanten Angebote für sie selbst. Sie wissen, dass die Kirche Freizeit- und Bildungs-angebote für Kinder und Jugendliche anbietet, sich in der Seelsorge um Ratsuchende kümmert und Menschen in vielen Lebenslagen ein hilfreiches Deuteangebot macht. Aber obwohl die Einladung der Kirche auch für diese Gesprächspartner gilt, geben sie an, dass sie nicht kommen würden. Dabei kommen die von Soziologen „Kirchendistanzierten“ genannten Personen durchaus oft. Sie sind sogar die häufigsten Nutzer kirchlicher Angebote, etwa in Notsituationen oder zur Taufe ihrer Kinder. Studien belegen, dass diese Menschen von der kirchlichen Botschaft erreicht werden: Sie werden angerührt, getröstet und in Notlagen stabilisiert. Wer mich aber fragt: „Was bringt mir die Kirche?“, geht fast immer davon aus, niemals in solche Situationen zu geraten. Das ist eine überraschende Fehleinschätzung, wie eben nicht nur die hohe Nachfrage nach kirchlichen Angeboten durch die „Kirchendistanzierten“ belegt. Etwa 92 Prozent aller Menschen erleiden mindestens einmal im Leben eine traumatische Erfahrung. Fast jede zweite Person wird im Lauf des Lebens depressiv. Wer gut situiert ist, sollte Vorsorge leisten für den Fall, wo er Hilfe braucht. Als Christ könnte man die Frage „Was bringt mir die Kirche?“ umkehren und sich dabei an der Nächstenliebe orientieren: „Was bringt es anderen, dass ich in der Kirche bin?“ Wer mit seinem finanziellen Beitrag die kirchlichen Angebote für Unterstützung von Menschen in ihren alltäglichen Krisen fördert, erfüllt das christliche Gebot der Nächstenliebe. Und wer sich wirklich nur daran orientiert, was ihm persönlich etwas bringt, sollte es auch tun: Hilfsbereite und spendenfreudige Menschen sind glücklicher als andere. Und auch unsere Gesellschaft wird durch gesamtgesellschaftliche Aufgaben, die die Kirche übernimmt, entlastet. Lukas Ohly


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