Mittwoch, 5. Dezember 2018

Gedankenanstoß

Der geborene Mensch ist nie ohne Gott
 In diesem Jahr stehen die Adventsgottesdienste und -andachten unter dem Thema „Der geborene Mensch“. Leser werden vielleicht stutzig sein und einen Schreibfehler wittern: Geht es nicht den Christen in der vorweihnachtlichen Zeit um den geborenen Gott? Besteht nicht das Wunder des christlichen Glaubens darin, dass der ewige Gott unter zeitlichen Begrenzungen anfängt zu leben? Aber bedarf der Mensch
noch eines größeren Wunders, als geboren zu sein? Für jeden Menschen ist es ein Wunder, dass er irgendwann angefangen hat zu leben. Das Wunder besteht darin, dass man den genauen Zeitpunkt nicht kennt, ab dem ein Mensch begonnen hat zu sein. Zwar können Biologen den Zeitpunkt feststellen, ab wann die Keimzellen der Eltern verschmelzen. Aber umstritten ist, ob es sich dabei schon um einen Menschen handelt oder nur um menschliches Gewebe. Umgekehrt haben werdende Eltern schon eine Beziehung zu ihrem Kind, noch bevor es geboren wird oder sogar bevor es gezeugt worden ist. Wie sollte man da ein genaues Datum für den Anfang des Menschen bestimmen können? Das gehört zum Wunder des geborenen Menschen, dass sein Anfang unbestimmbar ist. Das unterscheidet Lebewesen von produzierten Gegenständen, die ein genaues Herstellungsdatum haben. Der Philosoph Bernhard Waldenfels spricht von der „Vor-Vergangenheit“ des Menschen: Die eigene Vergangenheit enthält Zeiten, die man nicht erinnern kann, aber weiß, dass es sie gegeben hat. Und könnte das nicht heißen, dass bei einer Geburt immer auch Gott geboren wird? Ist der geborene Mensch nicht immer umfangen vom geborenen Gott? Paradox ausgedrückt: Wenn es mich schon gab, bevor es mich gab, dann webt eine Kraft in mir, die mich bereits kennt, die ich aber erst noch kennenlernen werde. Im Alten Testament werden daher Gott solche Worte in den Mund gelegt: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest“ (Jeremia 1,5). Der geborene Mensch ist in keinem Moment ohne Gott.

Lukas Ohly


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