Freitag, 1. Juni 2018

Gedankenanstoß



Von der Unart, sich ständig beschweren zu müssen

Begegnen Ihnen auch so oft Menschen, die sich über irgendwas beschweren müssen? „Sich zu beschweren, scheint ein neuer Sport zu sein“, hörte ich neulich von einer Bekannten. Firmen haben sogar ganze „Beschwerdestellen“ einge-richtet, bei denen man rund um die Uhr Luft ablassen kann. Das Merkwürdige daran: Wer die Beschwerde annimmt, ist fast nie der Auslöser für die Beschwerde. Fast immer beschweren sich Menschen bei Unschuldigen. Das hält sie aber nicht davon ab, laut zu werden oder manchmal sogar unverschämt. Wenn jetzt die Fußball- Weltmeisterschaft beginnt, wird die Beschwerde Hochkonjunktur bekommen. Fußballer helfen den Unzufriedenen, sich über alles Mögliche aufzuregen, so als hätten Zuschauer einen Anspruch auf Siege. Was haben Menschen davon, sich zu beschweren? Wäre es nicht besser für sie, sie könnten ihre Last erleichtern? Schon der sprachliche Ausdruck „sich beschweren“ drückt ja aus, dass es nicht selbstverständlich ist, dass es einem nach der Beschwerde besser geht. Manchmal staut sich Ärger erst recht an. Das hat einen einfachen Grund: Wer sich beschwert, sieht zurück. Wer erleichtert werden will, muss nach vorn schauen. Die biblischen Klagepsalmen sind voll von Beschwerden. Die älteste Beschwerdestelle ist seit Jahrtausenden Gott, der genauso für alles Mögliche verantwortlich gemacht wird wie die unschuldigen Mitarbeiterinnen am Telefon der heutigen Beschwerdestellen. Aber eins ist anders: Die Klagepsalmen wechseln gegen Ende immer in den Zustand der Erleichterung und Dankbarkeit. Was genau sich in der biblischen Klage ereignet hat, lässt sich zwar fast nie erkennen. Aber anscheinend ist dabei etwas geschehen, was die Klagenden erleichtert hat. Vielleicht liegt das auch daran, wie sehr sie mit sich selbst ringen und andere Perspektiven ausprobieren als nur sich zu beschweren. Eine echte Erleichterung bringt es nur, wenn die Last nicht einfach auf andere abgewälzt wird, sondern wenn man gemeinsam nach Lösungen sucht. Das kann spielerisch versucht werden wie beim Fußball oder so ernst wie in einem Gespräch auf Augenhöhe. L. Ohly

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