Mittwoch, 11. Oktober 2017

Gedankenanstoß


Reformation ist ein dauerhafter Prozess
Das Gedenken zum 500. Jahrestag der Reformation ist zwar kein noch größeres christliches Fest als Weihnachten oder Ostern, allerdings hängt unsere christliche Hoffnung auf unsere menschliche Existenz und die Vorstellung vom Leben nach dem Tod entscheidend davon ab, was mit dem 31. Oktober 1517 begann. Darüber hinaus ist die politische Einheit in Europa und die Demokratisierung christlicher Völker auch ein Ergebnis dieses Prozesses. Man sollte die Reformation daher als einen Prozess verstehen und nicht als ein vergangenes historisches Ereignis. Wer in diesen Monaten Martin Luther zu einem Heiligen hochstilisiert, macht ihn zu einer niedlichen Gestalt einer fernen Geschichte. Die Befreiung des Menschen durch das Evangelium hat nicht irgendwann in der Vergangenheit stattgefunden, sondern sie ist Gegenwart, wenn sie wirklich Befreiung ist. Die entscheidende Einsicht Luthers bestand darin, dass Gott die Menschen ohne Vorbedingung liebt.
Diese Einsicht löste einen Prozess der Religionsfreiheit und wechselseitigen Toleranz aus, die sich in den folgenden Jahrhunderten ausbreitete. Luther selbst war zu dieser religiösen Toleranz nur sehr bedingt fähig gewesen. Auch deshalb verehren wir ihn nicht wie einen Heiligen. Aber die Ideale der religiösen Toleranz, wie sie in der Aufklärung von christlichen Philosophen der Reforma-tion begründet wurden, ließen sich nach Luthers Entdeckung nicht auf lange Sicht aufhalten. Dieselben Befürworter der Toleranz wurden auch die Vordenker der Demokratie. Man kann sagen, dass der gnädige Gott ein Ideal auch der politischen Gestaltung wurde: Die Demokratie lebt nicht davon, immer die richtigen Entscheidungen zu treffen, sondern auch falsche Entscheidungen zu tolerieren, die die Mehrheit trifft. Auf dieser Basis beruht auch die Anerkennung von Minderheiten: Wenn nicht mehr richtig oder falsch über unsere ewige Seligkeit entscheidet, dann ist es die wechselseitige Anerkennung, dass Gott auch den genauso Nächsten liebt wie mich selbst. Religion ist deshalb keine Praxis, Gott mit frommen Handlungen gnädig zu stimmen. Religion ist Dankbarkeit. Lukas Ohly


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